Rainer Janßen im Interview

Herr Janßen, viele IT-Entscheider reden lieber über Energieeffizienz und nicht über Green IT. Bei Ihnen ist das anders.
Rainer Janßen: Der Begriff Green IT umfasst weit mehr als nur das Thema Energieeffizienz. Neben dem Preis für die Energie sollte man etwa den Lebenszyklusvon Geräten mit in die Betrachtungen einschließen. Das Ziel der Münchener Rück ist, weltweit bis zum Jahr 2012 klimaneutral zu sein. Kurz gesagt geht es um Nachhaltigkeit. Und das ist nicht nur Sache der IT. Im neuen Firmengebäude am Münchener Tor etwa gibt es eine Klimaanlage,stattdessen nutzt man den Auftrieb der Warmluft für die Klimatisierung. Insgesamt verbraucht das Gebäude 237 Kilowatt pro Quadratmeter, das ist weit unter dem Grenzwert für energieeffiziente Gebäude, den das Fraunhofer-Institut für Gebäudephysik bei einem Wert von 270 angesetzt hat.
Was hat sich in der IT geändert, seit die Münchener Rück das Ziel Klimaneutralität ausgegeben hat?
Alle Projekte folgen dem ganzheitlichen Ansatz, den gesamten Lebenszyklus zu betrachten. Konkret haben wir die Server-Landschaft virtualisiert. Statt der 500 Server vor zwei Jahren sind in einer Server-Kategorie jetzt nur noch 20 im Einsatz. Im Hinblick auf das gesamte Rechenzentrum sparen wir so etwa ein Drittel der Stromkosten. Über fünf Jahre gesehen entspricht das jener Menge, die 1000 Vier-Personen- Haushalte verbrauchen. Das zweite Vorzeigeprojekt nennen wir „Wake on Lan“. Sämtliche in 2007 neu angeschafften Desktops werden automatisch abends abund morgens wieder eingeschaltet – und zwar über LAN, das Hausnetzwerk.
Eigentlich geht es Ihnen aber um mehr als nur diese zwei Projekte …
Ja, diese zwei Projekte sind gewissermaßen die Flaggschiffe. Doch als wir vor zwei Jahren mit Green IT begannen, haben wir das Thema zusätzlich in die Servicebereiche der IT verankert. Über eine Entscheidungsmatrix fließen verschiedene Kriterien wie Energieeffizienz, Umweltverträglichkeit und Kohlendioxidausstoß mit ein. Davon erhoffen wir uns gerade jene Nachhaltigkeit, die wir uns ja in die Strategie geschrieben haben.
Der TÜV (siehe Seite XIV) zertifiziert neuerdings Unternehmen, die besonders energieeffizient unterwegs sind. Macht das Sinn?
Wir haben uns vor Jahren ISO-zertifizieren lassen. Da ging es um Qualitäts-Management. Allerdings haben Sie irgendwann die nötigen Ziele erreicht und sollten sich dann fragen, ob das tatsächlich noch für das Unternehmen nützlich ist, was Sie da tun. Wenn man nicht reif genug ist, hilft ein solches Zertifikat. Wir haben schon seit Jahren einen Nachhaltigkeitsbeauftragten, der solche Themen treibt und intern angeht. Wir sehen anhand der Checkliste für die Geräte, anhand der sogenannten Entscheidungsmatrix, die sich ständig verändert, dass das Thema vorangeht. Dafür brauchen wir kein Zertifikat.
Sie sind neben Michael Rödel vom Phytopharmakahersteller Bionorica einer von zwei CIOs in der Jury. Was erwarten Sie sich von dem Energieeffizienzpreis Best of IT-Solutions?
Mich interessiert die Kreativität, die Erfindungshöhe, nicht das, was in den Zeitun-gen steht. Das Volumen – also wie viele Kilowattstunden eingespart wurden – interessiert mich weit weniger als die Pfiffigkeit, die ein Projekt auszeichnet.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich war letztens beim Fraunhofer-Institut für Mathematik in Kaiserslautern zu Besuch. Deren Rechencluster aus 1000 Prozessoren hatten die Wissenschaftler über ein Monitoring-System überwacht. Überall, wo die Temperatur zu hoch anstieg, ließen sich andere Prozessoren besser auslasten und so die Gesamtauslastung sehr gut verteilen. Aber es muss ja nicht immer der große Wurf sein: Letztens hatte ein Mitarbeiter aus unserem Infrastrukturbereich die Idee, die Temperatur im Rechenzentrum um zwei Grad zu erhöhen und dadurch so viel Kühlleistung zu sparen, dass man unter dem Strich damit besser fährt. Ausprobiert haben wir das noch nicht. Aber: Die Idee zeigt uns, dass die Idee von der Nachhaltigkeit zu leben beginnt.
Ist das auch eine Erwartung an potenzielle Preisträger?
Zweifellos, das Unternehmen sollte glaubwürdig darstellen können, dass die IT gesamtheitlich und nachhaltig das Thema verfolgt – dass das Denken in die Organisation hineingebracht wurde, dass es bei allem, was man tut, Wirkung zeigt, bis hin zur Auswahl der Produkte. Nicht zuletzt ist ein klares Demonstrieren dieser Wirkung nötig. Denn es gibt viel behauptete Wirkung, die jedoch nicht am Stromzähler nachvollzogen werden kann. Letztlich muss also auch mal „Butter bei die Fische“.
Das Interview führte Andreas Schmitz.
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